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Die Zeit: Reisebeilage : Auf seidenen Pfaden


 
 
 
 
 
 
 

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Die Armut ist unerhört, und die Jugend trägt schwarze Lederjacken und schwarze Jeans, als sei die Zukunft nichts als schwarz. Die postsowjetische Tristesse lässt keinerlei poetisches Mitleid zu. Die Wirklichkeit ist eine Zumutung, eine Idee von Zukunft nicht vorhanden, und Samarkands Tiraden gegen die Ungerechtigkeit des Lebens nehmen nur den Staatspräsidenten aus, denn der ist Alleinherrscher, und wider den Alleinherrscher schwingt man keine Rede, Usbekistan ist ein Polizeistaat.

Der Basar ist keine Organisationsform, er ist ein Denkvorgang. Jeder Besucher erfordert eine neue Strategie. Samarkands Basaris sind geschickte Strategen, auch wenn alles nur ein Spiel ist, danke, rahmat, Hand aufs Herz, die Ehre ist auf meiner Seite, auf Wiedersehen. Weil allzu viele Strategien und menschliche Regungen und so gut wie alle Güter für den täglichen Überlebenskampf zu finden sind, nur nichts, was annähernd mit Seide und dem Verdacht auf Herrlichkeit zu tun hat, verlasse ich den Basar durch eines der seitlichen Eisentore und gehe über den in seiner Stille jenseitig wirkenden Hof der Bibi−Khanim−Moschee in die Hauptstraße mit dem Namen Toshkent kochasi, in der Hoffnung auf eine Fügung. Über Jahrhunderte trafen hier die Handlungsreisenden der Karawanen zusammen, die, auf dem Weg nach Syrien oder Rom, aus China über den Pamir oder Hindukusch nach Samarkand kamen, die Stoffe tauschten, Pelze, Edelsteine, Teppiche, Gewürze, Gottesvorstellungen, Witze und Geschichten.

Doch da sitzt nur ein müder Greis mit verratzter Mütze im Kabuff und preist Kaugummis an, und dann reihen sich wie folgt aneinander: eine Schuhmacherei mit Jahrhundertwende−Nähmaschinen, eine Apotheke, eine Mittelschule, eine Essküche mit frittiertem Kram, zwei Brautkleiderboutiquen, ein Friseur. Frauen huschen heim und schleppen Brotfladen in Plastiktüten; eine Stolze im geblümten Kleid, geschätzt Mitte vierzig, verwickelt sich in einen Disput mit einem Alten, es wird laut, und aus Respekt vor dem Weib gibt der Alte klein bei und zieht ab, und dann herrscht unvertraute Stille. Das ist der wahre Orient, denke ich und irre weiter, ohne Ziel und Sinn, nach Art des enttäuschten Liebhabers, Hammerschläge hallen durch die Luft, Kinder rennen nach irgendwo oder leeren Messingeimer, Halbstarke hasten in die Moschee. Die Straßen werden mit Wasser gewaschen, Sauberkeit ist wichtig. Der Äther ist gefüllt mit dem Chor−Gezwitscher indischer Stare. Es ist halb sechs am Abend, Samarkand rüstet sich für die Nacht. Der Trubel ist still, aber er ist da. Er vollzieht sich in der zarten Hektik der hereinbrechenden Dämmerung, in der es kein Geschubse gibt, nur beherzte Schritte in schmucklosen Massengummischuhen, als hätten die Menschen Angst vorm Schwarz der Nacht in dieser Stadt, die kaum Lichter hat und so viel lastende Unergründlichkeit.

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