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Die Zeit: Reisebeilage : Auf seidenen Pfaden


 
 
 
 
 
 
 

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Dann geschieht die Offenbarung. Der Registan Weltwunderwonne

In der Toshkent kochasi gibt es keine Tücher. Es gibt keine Teppiche und keine Hinweise auf den Teppichkönig von Samarkand. Es ist die frisch geteerte Absage an jede Seidenstraßenfolklore. Die Versöhnung des Traums mit der Wirklichkeit braucht Zeit und guten Willen, und so notiere ich voll Ungeduld: Samarkand ist die Membran eines zerfallenden Mythos.

Dann geschieht die Offenbarung. Der Registan! Jedes geschriebene Wort vergreift sich an der Macht seiner natürlichen Poesie. Seine Schönheit ist erschütternd, die kompositorische Strenge erhaben. Man kann nur sitzen, staunen und schweigen. Weltwunderwonne. Vermutlich ist der Sandige Platz der schönste des Orients, vielleicht der schönste der Welt. Er hat etwas unerhört Jenseitiges. Und dann, als sei es ein Fingerzeig des geneigten Seidengottes, stoße ich, in der jüngsten der drei ehemaligen Koranschulen, auf folgendes Schild: »Samarkand Bukhara Silk Carpets«. Es ist das erste Mal seit drei Tagen, dass das Wort Seide sichtbar wird. Ich trete ein, und in einer der alten Studentenzellen behängen, von einer wattschwachen Funzel beleuchtet, turkmenisch, tadschikisch, usbekisch gemusterte Teppiche die Wände rundum. Eine zerbrechliche Frau sitzt an einem Webstuhl, ihr Mann kommt auf mich zu.

»Guten Abend.«

»Guten Abend. Ich suche den Seidenteppichkönig von Samarkand&«

Der Mann versteht. Natürlich lacht er. Er heißt Abdullahad Badghisi. Oh ja, vom Seidenteppichkönig habe er durchaus gehört. Ich setze mich, erleichtert. Anflüge von Glück, Sehnsuchtserfüllungsglück. Auf einer Truhe liegen Seidenraupenkokons. Der Mann schenkt mir einen Kokon. Der Raupenschleim getrocknet. Robust ist das kleine Ding. Von einem Kokon lässt sich ein 1000 Meter langer Seidenfaden abspinnen. Aus den hauchzarten Fäden von 32 abgewickelten Kokons verknüpft sich ein einziger stabiler Seidenfaden, deren 1000 es wiederum für eine Kette bedarf. Ein Teppichgerüst besteht aus minimal 3000 Ketten. Abermillionen Kokons müssen dafür entsponnen werden.

Herr Badghisi mit dem akkurat gestutzten Schnauzer malt einen Weg auf: die Toshkent kochasi runter, am Basar vorbei, rechts in Richtung Gräberstraße Shohizinda, wo sie knien und beten und die hier bestatteten Heiligen besingen und vor allem Allah anrufen, Kehre rechter Hand, nach 300 Metern wieder rechts. »Grüßen Sie meinen Vater von mir! Am besten treffen Sie ihn vor dem Essen an.«

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