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Die Zeit: Reisebeilage : Auf seidenen Pfaden


 
 
 
 
 
 
 

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Auf dem Weg: wandernde Gestalten, bettelnde Zigeunerfrauen. Eselkarren. Ein Verkehr ohne Regelwerk. Das Wehklagen der Pilger. Der süßliche Geruch von toten Tieren. Eine Straße ist es kaum. Links läuft ein Bach mit brauner Tinte. Ratlos sucht eine Ziege Futter. Das grobe Geröll schmatzt, wenn die Taxis darüberfahren. Bisher war hier ein Lehmpfad, Schilder gibt es keine. Links aufwärts führt ein Pfad durch ein Tor in den Hof, am türlosen Eingang warten 13 brusthohe Säcke, daneben steht eine junge Frau mit Goldzähnen und besticktem Kostüm und winkt durchaus ausgelassen.

»Samarkand Bukhara Silk Carpets Company?« Ja, ja, bedeutet die Frau.

»Der Seidenteppichkönig?«

Ja, ja.

Die Frau bringt mich in den Vorführraum. Er ist ein mit Teppichen ausgekleidetes Vakuum, das die Stimmen seltsam verschluckt. Auf dem Sofatisch: eine Tasse schwarzer Tee. Es riecht nach Zwiebeln. Im Hinterhof des Gebäudes wird in drei großen Bottichen Naturseide in Seifen− und Specksteinlauge gebadet, um sie, nach dem Rezept tadschikischer Juden, in Wurzelbrühe zu färben: walnussschalenbraun, granatapfelrot, maulbeerbaumbrünett.

In diesem Moment, da meine innere Reise beendet ist, während die äußere gipfelt, entsteht Sehnsuchtssinn. In dieser bildlosen, unbebilderten, kargen, von kleinen Gängen zerfurchten Fabrik lebt die Idee von Seide fort und mit ihr der Mythos von Luxus und Schönheit, Stil und Feinsinn, auch wenn die Seide in ihrem Vorverarbeitungszustand einem wirren Knäuel rauer Rosshaare gleicht. In vier wohnzimmergroßen, von usbekischer Wüstenmusik erfüllten Räumen, sitzen, 450 Frauen knapp über achtzehn, an 110 Webstühlen aus Maulbeerbaumholz, die Teppichweberinnen von Samarkand. Sie sind begehrt, weil ihre Augen besser, ihre Rücken stabiler, ihre Finger flinker sind. Sie tuscheln und lächeln, schamvoll, charmant.

Es ist schwül, die Luft ist verbraucht. Scheren schnippen, Knüpfmesser schnalzen. An einem ein Meter achtzig mal ein Meter großen Seidenteppich weben zwei von ihnen werktäglich acht Monate lang. Sie knüpfen 85 Knoten auf einen Quadratzentimeter. Der Quadratzentimeter bringt ihnen zwei Dollar. Der durchschnittliche Monatslohn liegt bei 60 Dollar. Manchmal weben drei Frauen eineinhalb Jahre lang an einem Teppich. Ein Teppich mit, sagen wir, turkmenischem Muster kostet, unter Einbeziehung der Psychologie des Aushandelns, 1800 Dollar. Im 19. Jahrhundert kostete er 120000 Dollar. Das 19. Jahrhundert ist vergangen.

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