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Es ist nicht vergangen. Das 18. nicht. Das 17. nicht. Das Mittelalter ist nicht vergangen. Der Mythos des Mittelalters nicht. Samarkand trägt schwer an seinem Namen. Melancholie hat keinen Grund, aber sie ist da. Sie taucht auf, weil sie zu tun hat mit verratenen Träumen. Während ich sinniere, betritt ein kleingewachsener Mann den Raum, pechschwarz die Iris der Augäpfel, die jeweils auf die Nasenspitze zielen. Er riecht nach Zwiebeln und reibt sich sein Bäuchlein.
»Willkommen«, sagt der schielende Seidenteppichkönig von Samarkand, »ich bin Ewaz Badghisi.«
»Es heißt, Sie sollen noch immer zwölf Stunden täglich arbeiten&«
»Ja, und ich bin 87 Jahre alt!«
»Eine prächtige Firma haben Sie aufgebaut&«
»Wir sind die einzige Seidenteppichmanufaktur Mittelasiens!«
»Sind Samarkand und Seide dasselbe?«
»Samarkand beschäftigt sich seit 1600 Jahren mit Seide. Und wir machen die beste Seide!«
Der Seidenteppichkönig hat nie aufgehört, Samarkand zu lieben
Skrupel liegen dem Seidenteppichkönig nicht. Skrupel sind nicht samarkandisch. In Samarkand ist man Geschäftsmann. Als Geschäftsmann leistet man sich keine Skepsis, nicht mal eine wohltemperierte. Was für Usbekistan gut ist, ist gut für den Ewaz »Khan« Badghisi, und was für den »Khan« gut ist, ist gut für die Seide, und wenn die Seide gut ist, ist das gut für Usbekistan, denn Seide schafft Arbeitsplätze und belebt den alten Mythos wieder.
Nun lässt der Seidenteppichkönig mehrere Zeitungsartikel kommen, faltet das verwitterte, abgegriffene Papier auseinander, und in gleichem Maße entfaltet sich Stolz in seinem Gesicht, denn die Ausrisse zeigen ihn und den afghanischen Präsidenten, ihn und afghanische Minister, ihn und afghanische Würdenträger, denn der Seidenteppichkönig von Samarkand war in den 1920ern vor den Oktoberrevolutionären mit seiner Familie über den Fluss Termez nach Afghanistan geflohen und hatte dort dann eine mindestens weltberühmte Teppichmanufaktur mit Exporten nach Europa, Amerika, Israel errichtet und ist 1992, ein Jahr nach der offiziellen Unabhängigkeit Usbekistans, zurückgekommen in das 2700 Jahre alte Samarkand, das zu lieben er nie aufgehört hat.
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