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Die Sehnsucht im Herzen, den Teppich im Gepäck
Der »Khan« brachte die Kunst des Webens nach Samarkand zurück und mit ihr die Kunst der Anknüpfung ans Verflossene. Faden für Faden verwob er sich mit dem Mythos Samarkands, Stadt der verwegenen Träume, Stadt der geschundenen Seele. Seine Hände formen eine Schale, nehmen meine Rechte hinein und lassen sie für die Dauer einer ausgelassenen Einladung zu einer nächsten Begegnung in goldenen Zeiten nicht mehr los. Der »Khan« schwitzt nicht. Seine Haut ist rau. Er lacht. Er ordnet irgendetwas Wichtiges an, beherrscht, ruhig, mit einem Heben der Braue. Dann reibt er sich das Bäuchlein und justiert die Kopfbedeckung. Ich verlasse den Hof, rieche den Moder toter Raupen und sehe die Seidenraupenfabrik gegenüber. Das Gebäude, hinter üppigem Gestrüpp, ist rosa gestrichen, die Fenster sind matt, die Maschinen schweigen.
Dann steht der volle Mond über der Weltwunderstadt. Märchenhafter geht es nicht. Es ist fast kitschig. Kitsch entlastet. Kitsch verklärt. Kitsch versöhnt. Sinn von Samarkand, dachte das Kind, sei die Verzauberung. Samarkand, erkennt der Erwachsene, verweigert sich der Sehnsuchtserfüllung. Träume teilt es nicht. Das glanzvollste Antlitz der Erde verströmt die Aura verrosteter Stromleitungsmasten. Das mythische Samarkand mag Museum für Fantasien bleiben, das reale ist von urbaner Profanität. Nach sechs und einer Nacht endet das Märchen vom schielenden Seidenteppichkönig im Lärm einer gewissenhaften Putzkolonne. Ich verschließe den gefüllten Fantasieraum und kehre der Stadt den Rücken, westwärts, auf der alten Seidenstraße durch die Kizilkum−Wüste, im Herzen die nie zu stillende Sehnsucht nach Sinnlichkeit und Seide, im Gepäck einen handgeknüpften Teppich.
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