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11/2005
Auf seidenen Pfaden
Samarkand ist ein Versprechen: Rubine, Safran, Flaschengeister. Wie das Märchen von 1001 Nacht bei Tag aussieht
Von Christian Schüle
Dann senkt sich die Sonne, und man steht, nach einem heftigen Schwung hügelabwärts in den überfüllten Usbekistan−Boulevard, mitten im unentdeckten Orient, eingehüllt in Abgase und Mythen. Ein Stadttor müsste hier stehen, tut es aber nicht. Stattdessen sind da die verfallenen Betonquader nach sowjetischer Art. Die alte Seidenstraße führt sehr prosaisch in jene Stadt, die im 15. Jahrhundert das glanzvollste Antlitz der Erde gewesen sein soll. Einmal wollte das Kind an diesen in Mythen gezwängten Ort kommen; all seine Sehnsüchte sammelten sich in einem Wort: Samarkand, ein poetisches Versprechen, hingeträumt in zig Nächten, als die Wörter Bagdad, Sindbad, Samarkand und Seide durch den Kinderkopf flitzten. Collage: Daniel Matzenbacher BILD
Irgendwo, denke ich, werden meine Märchenmänner in goldbestickten Samtmänteln durch lichtlose Gassen gehen, irgendwo meine Märchenfrauen in dunkelroten Seidenkleidern über Plätze huschen, und irgendwann wird man das Brutzeln von gegrilltem Lammfleisch vernehmen und auf den großen Seidenteppichkönig treffen, der hier residieren soll. Wo, scheint keiner zu wissen. Es ist, als schere man sich nicht um die eigene Patina und noch weniger um die Verzweiflung abendländischer Spurensucher. Vielleicht ist der schielende Seidenteppichkönig von Samarkand nur eine Legende. Vielleicht sitzt er auf einem mit Tüchern behängten Stuhl, so, als hielte er eine Parabel bereit: Sinn von Sehnsucht sei, dass sie sich niemals erfülle. So, als wolle er sagen: Reisender, wenn du deine Verklärungen der Wirklichkeit aussetzt, setzt du alles aufs Spiel, die ganze Fantasterei vom Farbenglanz der Rubine und Smaragde, vom Geruch von Safran und Nelken, dein kindliches Beschwören von Flaschengeistern, das Gottvertrauen und die Erotik einer morgenländischen Nacht.
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