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Jahrhundertelang schaukelten Tausende von Karawanen durchs Land, die Kamele hoch beladen mit Gold und Pelzen für die orientalischen Basare, mit Gewürzen und Porzellan für die Märkte im Abendland. Hier verlief die Große Seidenstraße, in deren Geflecht von Wegen auch Samarkand, Buchara und Chiwa eingewoben waren, Städte, deren Namen allein schon sagenhafte Schönheit und schimmernde Pracht verhießen.
Chiwa, die Oasenstadt in der Kisilkum−Wüste, verbirgt ihre Schätze hinter einer gewaltigen Lehmmauer: Medresen islamische Hochschulen , Moscheen, Paläste und das berühmte Minarett Kalta Minor, ein mit bunt glasierten Kacheln verzierter dicker Stumpen. Einst sollte es das höchste der Welt werden. 400 Kilometer weit, bis zum Konkurrenten Buchara, wollte der Emir von Chiwa von der Spitze seines Minaretts aus die Wüste überblicken. Da lockte der Herrscher von Buchara den Baumeister mit einem Gegenangebot, und die Geschichte endete, wie es solche Geschichten meistens tun: Der Architekt floh, das Minarett blieb unvollendet, eine Legende war geboren.
Nun liegt die Altstadt still in der Sonne und wartet. Vielleicht auf die nächste Karawane, vielleicht auch einfach nur auf die Rückkehr ihrer Bewohner. Denn pünktlich zum Stadtjubiläum 1997 wurde das 2500 Jahre alte Ortszentrum zum Freiluftmuseum verschönt. Nur die ärmlichen Häuschen der Altstadtbewohner störten den Blick, befand die Stadtverwaltung und ordnete den Abriss an. Die Einwohner mussten in die Neustadt ziehen. Durch die uralten Gassen schlendern nun vor allem Touristen, und auch von denen gibt es nicht viele, was der Stadt einen ganz eigenen Reiz verleiht: Nirgendwo sonst können wir den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht so ungestört hinterherspüren, nirgendwo sonst lässt sich die Realität so gut mit eigenen Fantasien bevölkern. Was am Ende bleibt: das warme Leuchten der Lehmmauern; die strengen blau−weißen und türkisfarbenen Ornamente, in deren Unendlichkeit sich der Blick verliert; die atemberaubende Dschuma−Moschee, deren Kassettendecke von 213 geschnitzten Holzsäulen getragen wird, einige davon die schwarzen, verwitterten sind um die tausend Jahre alt.
Die Wiege der Weisheit; die Stadt, der Gott seine Schönheit geschenkt hat; die Adlige genießerisch lässt Fremdenführer Aziz die Beinamen der Stadt Buchara von seinen Lippen strömen. Unter mächtigen Bäumen ruhen am Wasserbecken des Lab−e Hauz ein paar Greise auf Tschorpojas, ehebettgroßen, mit Matratzen bedeckten Gestellen. Sie schlürfen Tee, kommentieren mit blinkenden Goldzähnen den Lauf der Welt und lassen sich auch nicht vom Geschrei der fünf Gänse stören, die wichtigtuerisch ums Wasserbecken watscheln.
Buchara gehört zu den sieben heiligen Stätten des Islam auch wenn der Glaube an den Propheten in Usbekistan eine eher private Sache ist, mehr noch: Seit in der Hauptstadt Taschkent 1999 zwei Bomben explodierten und 18 Menschen töteten, hat der Staat die Moscheen fest in der Hand. Die Attentate wurden islamischen Fundamentalisten zugeschrieben; schon wer einen Bart trug, machte sich verdächtig; Gebetshäuser wurden geschlossen; wahllos wurde jede Bewegung unterdrückt, die der Obrigkeit auch nur von Ferne radikal erschien eine bequeme Gelegenheit, auch mit der politischen Opposition aufzuräumen. Sie bekam das Etikett des religiösen Fundamentalismus verpasst, den es eben mit harter Hand zu unterbinden gilt.
Daran hat sich bis heute wenig geändert genauso wie an der Spitzes des Staates. Seit die ehemalige Sowjetrepublik 1991 eher unfreiwillig in die Unabhängigkeit taumelte, steht dort derselbe Mann: Präsident Islam Karimow. Bis 1989 war er der Chef der usbekischen KP, heute regiert er noch immer mit alten Methoden bis hin zu riesigen Spruchplakaten, die auch mitten in der Wüste auftauchen können. Besonders beliebt ist die Parole Ozbekistan keladshagi bujuk davlat Usbekistan, das Land mit großer Zukunft.
Um diesen Satz zu untermauern, zählt Aziz pflichtbewusst und mit genauer Prozentangabe die Bodenschätze auf: Gold, Uran und Kupfer, Wolfram, Öl und Erdgas, alles da. Aber Usbekistan ist ein reiches Land mit leeren Händen. Zu sehr hat der Staat vor allem in der Landwirtschaft auf die Baumwolle gesetzt. Das »weiße Gold«, einst von sowjetischen Planwirtschaftlern als gigantische Monokultur aufgezwungen, ist Usbekistan wirtschaftlich und ökologisch zum Verhängnis geworden. Dazu kommt eine Regierung, die auf Kontrolle setzt, Eigeninitiativen mit immer wieder neuen Regeln die Luft nimmt. Die Mehrheit der Usbeken lebt in Armut. Wer am Ende des Monats mehr als 20 Dollar verdient hat, liegt schon über dem Durchschnitt.
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