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DIE ZEIT: − Wer war Abu Ali ibn Sina?


 
 
 
 
 
 
 

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Wer war Abu Ali ibn Sina?

Würdige Medresen, majestätische Minarette, schimmernde Mosaike Usbekistan lebt in der Vergangenheit

Von Irina Schedrowa

Aziz liebt Ratespielchen. Vor allem, wenn sie mit seiner Heimat zu tun haben. »Wer hat eine der ältesten Lehranstalten in Europa gegründet?«, fragt er und schaut mit seinen dunklen Augen erwartungsvoll in die Runde. Keine Antwort. »Das war Alfraganus in Cordoba.« Dann schiebt er fröhlich hinterher: »Alfraganus hieß eigentlich Al−Fargani, weil er aus dem Fergana−Tal kam. Und das liegt wo? In Usbekistan.«

Nächste Frage: »Und was tat Muhammad ibn Musa al−Choresmi?« Wir trauen uns nicht einmal, den zungenbrecherischen Namen auszusprechen, und harren stumm der Lösung: »Der Mathematiker al−Choresmi hat als Erster ein Lehrbuch über das Rechnen mit Dezimalzahlen geschrieben und den nach ihm benannten Algorithmus erfunden. Das war im achten Jahrhundert nach Christus. Al−Choresmi kam aus Choresm. Und das liegt wo? In Usbekistan.«

Wir sind beeindruckt, aber für unseren jungen Fremdenführer offenbar noch nicht beeindruckt genug. Weiter: »Und Abu Ali ibn Sina?« Ha! Das wissen wir: »Naturforscher, Arzt, wahrscheinlich der größte Universalgelehrte, den der Orient hervorgebracht hat. Im Westen als Avicenna bekannt.« Aziz nickt zufrieden, bevor er seinen Triumph auskostet. »Avicenna wurde in Afschana geboren.« Und das liegt, natürlich, in Usbekistan.

Im Herzland Mittelasiens, sechs Flugstunden südöstlich von Deutschland, leben 25 Millionen Menschen. Die meisten Europäer haben schon mal in den Nachrichten von Usbekistan gehört: Ist das nicht irgendwo da unten neben Afghanistan? Und hat es nicht den USA einen Militärstützpunkt im Krieg gegen die Taliban zur Verfügung gestellt? Ja, ist es, und hat es. Aber weder von den amerikanischen Truppen noch vom afghanischen Nachbarn ist in Usbekistan etwas zu spüren.

Berge von funkelndem Zucker, Maulbeersaft, rot und dick wie Blut

Hier scheint das Vergangene realer als die Gegenwart. Es ist, als läge den Menschen ein von jahrhundertelanger Erfahrung geprägtes Wissen im Blut, das ihnen eine besondere Gelassenheit schenkt: Das Schicksal kommt und geht, seine Launen muss man mit Geduld und Leidensfähigkeit über sich ergehen lassen.

Zu oft wurde diese Region erobert, geschleift, verbrannt. Alexander der Große hat hier Schlachten geschlagen, Dschingis Khan und der grausame Tamerlan. Die Perser, die Griechen, die Parther, die Türken, die Chinesen, die Araber zogen ein und brachten nicht nur Tod und Verderben, sondern auch frische Gedanken und Religionen: Man hing dem Feuergott des Zarathustra an, Buddha, dem christlichen Nestorianismus oder glaubte wie die Manichäer an alles zusammen, bis schließlich der Islam die Oberhand gewann.

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